Übergänge sind oft Zeiten, in denen wir die Geschichte noch nicht kennen
- Viviane Fazel
- Jun 2
- 4 min read
Updated: Jun 11
Warum Orientierungslosigkeit manchmal Teil der Entwicklung ist
Es gibt Menschen, die äußerlich funktionieren – und sich innerlich trotzdem verloren fühlen.
Sie arbeiten.Sie organisieren ihren Alltag.
Sie treffen Entscheidungen.
Sie ziehen um, beginnen neu, passen sich an und halten durch.
Und trotzdem entsteht irgendwann dieses schwer greifbare Gefühl:
„Ich passe nicht mehr ganz in mein eigenes Leben.“
Von außen wirkt das oft wie:
Erschöpfung
Orientierungslosigkeit
Unentschlossenheit
Sensibilität
eine Midlife-Krise
oder einfach eine schwierige Phase
Doch manchmal liegt darunter etwas anderes.
Nicht jede Krise ist ein Motivationsproblem.
Nicht jede Unsicherheit ist mangelnde Stärke.
Manche Menschen erleben eine Identitätsverschiebung.
Übergänge sind oft Zeiten, in denen wir die Geschichte noch nicht kennen
Wir wissen nur:
Etwas hat sich verändert.
Aber noch nicht:
Was es bedeutet.
Genau das macht Übergänge so herausfordernd.
Wir spüren, dass etwas nicht mehr stimmt.
Doch oft können wir noch nicht benennen, was sich eigentlich verändert hat.
Vielleicht passt eine Rolle nicht mehr.
Vielleicht fühlt sich eine Zugehörigkeit nicht mehr stimmig an.
Vielleicht trägt eine Identität nicht mehr, die uns viele Jahre begleitet hat.
Und während wir versuchen, Antworten zu finden, befinden wir uns oft längst mitten in einem Übergang.
Veränderungen passieren außen. Übergänge passieren innen.
Der amerikanische Autor William Bridges unterscheidet zwischen Veränderung und Übergang.
Eine Veränderung ist ein Ereignis.
Ein Umzug.
Eine Trennung.
Ein neuer Job.
Die Geburt eines Kindes.
Der Auszug der Kinder.
Eine Rückkehr nach vielen Jahren im Ausland.
Doch der eigentliche Übergang beginnt oft erst danach.
Denn Veränderungen betreffen nicht nur unseren Alltag.
Sie berühren häufig etwas viel Tieferes:
Unser Selbstbild.
Unsere Rollen.
Unsere Zugehörigkeit.
Unsere Identität.
Die eigentliche Frage lautet oft nicht: Was ist passiert?
Sondern:
Wer bin ich jetzt?
Die Kinder ziehen aus.
Das Haus wird leer.
Doch die tiefere Frage lautet:
Wer bin ich ohne die tägliche Mutterrolle?
Eine Beziehung endet.
Doch die tiefere Frage lautet:
Wer bin ich ohne dieses „Wir“?
Ein beruflicher Abschnitt geht zu Ende.
Doch die tiefere Frage lautet:
Wer bin ich ohne diese Aufgabe, diesen Status, dieses Umfeld?
Jemand kehrt nach Jahren im Ausland zurück.
Doch die tiefere Frage lautet:
Bin ich überhaupt noch die Person, die damals gegangen ist?
Viele Menschen glauben, sie hätten Schwierigkeiten mit einer Veränderung. Oft haben sie Schwierigkeiten mit der Identität, die durch diese Veränderung erschüttert wurde.
Wenn Zugehörigkeit brüchig wird
Identität und Zugehörigkeit sind enger miteinander verbunden, als wir oft glauben.
Wir sprechen viel über Ziele, Entscheidungen und Selbstverwirklichung.
Viel seltener sprechen wir über das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.
Dabei begleitet es uns ein Leben lang.
Zugehörigkeit bedeutet nicht nur:
„Ich gehöre zu einem Ort.“
Sondern auch:
Werde ich verstanden?
Muss ich mich erklären?
Darf ich mehrere Identitäten gleichzeitig haben?
Passe ich noch in die Rolle, die andere von mir kennen?
Wo darf ich ganz ich selbst sein?
Gerade Menschen mit internationalen Lebenswegen kennen diese Fragen oft sehr gut.
Man gehört überall ein bisschen dazu.
Und gleichzeitig manchmal nirgendwo ganz.
Warum Übergänge sich manchmal wie Geburtswehen anfühlen
Vielleicht deshalb, weil etwas Neues entstehen will, bevor es einen Namen hat.
Menschen möchten verständlicherweise möglichst schnell wissen, wie es weitergeht.
Wir möchten das Alte hinter uns lassen.
Und wir möchten möglichst rasch erkennen, was das Neue ist.
Doch dazwischen liegt ein Raum, den William Bridges die Neutral Zone nennt.
Eine Zwischenphase.
Ein Dazwischen.
Dort passiert etwas Unangenehmes:
Die alte Identität passt nicht mehr.
Die neue Identität ist noch nicht sichtbar.
Orientierung fehlt.
Man fühlt sich unfertig.
Vielleicht fühlen sich Übergänge deshalb manchmal wie Geburtswehen an. Das Alte kann nicht bleiben. Das Neue ist noch nicht geboren.
Genau dort entstehen oft:
Zweifel
Müdigkeit
Ungeduld
Verwirrung
Orientierungslosigkeit
Aber genau dort entstehen häufig auch:
neue Perspektiven
Kreativität
Wachstum
tiefere Selbsterkenntnis
Entwicklung
Nicht alles, was sich wie Orientierungslosigkeit anfühlt, ist ein Fehler
Unsere Gesellschaft liebt schnelle Antworten.
Neue Ziele.
Neue Pläne.
Neue Strategien.
Neue Optimierungsansätze.
Doch manche Phasen brauchen zunächst etwas anderes.
Nicht mehr Geschwindigkeit.
Sondern mehr Verständnis.
Nicht sofort eine Lösung.
Sondern Orientierung.
Vielleicht ist das, was sich wie Orientierungslosigkeit anfühlt, manchmal kein Zeichen dafür,
dass etwas schiefläuft.
Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass sich etwas neu ordnet.
Vielleicht musst du dich nicht neu erfinden
Vielleicht musst du nicht sofort wissen, wie es weitergeht.
Vielleicht musst du nicht sofort die nächste Entscheidung treffen.
Und vielleicht musst du dich auch nicht neu erfinden.
Vielleicht musst du zuerst verstehen,
wer du geworden bist.
Denn echte Neuorientierung entsteht selten durch Druck.
Sondern durch:
Verstehen
Reflexion
Zugehörigkeit
Selbstkontakt
und die Erlaubnis, sich verändern zu dürfen
Orientierung im Umbruch
Genau dort beginnt auch meine Arbeit.
Nicht mit schnellen Optimierungsstrategien.
Sondern mit Fragen wie:
Was ist innerlich eigentlich zu Ende gegangen?
Welche Rolle passt nicht mehr?
Wo versuchst du noch, eine frühere Version von dir aufrechtzuerhalten?
Welche Zugehörigkeit fehlt?
Welche Teile von dir möchten vielleicht endlich sichtbar werden?
Denn Menschen leiden oft nicht an der Veränderung selbst.
Sie leiden daran, dass ihre bisherige Identität nicht mehr trägt und die neue noch nicht sichtbar ist.
Und genau dort – in diesem Zwischenraum – beginnt häufig die tiefste Entwicklung.
Manchmal entsteht Orientierung nicht durch schnelle Antworten, sondern durch ein Gespräch, das die richtigen Fragen öffnet. Wenn dich dieser Artikel anspricht, freue ich mich, von dir zu hören.




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