Zwischen Kulturen aufwachsen
- Viviane Fazel
- Mar 31
- 3 min read
Updated: Jun 11
Was Kinder lernen, wenn Zugehörigkeit immer wieder neu beginnt
Viele internationale Lebenswege werden aus der Perspektive der Erwachsenen erzählt.
Neue Chancen.
Karriereschritte.
Spannende Erfahrungen.
Ein neues Land.
Ein neues Kapitel.
Für Kinder beginnt dieselbe Geschichte oft ganz anders.
Nicht mit einer Entscheidung.
Sondern mit einem Abschied.
Von Freundschaften.
Von vertrauten Wegen.
Von einem Alltag, der gerade erst selbstverständlich geworden war.
Und mit der Aufgabe, sich an einem neuen Ort wieder zurechtzufinden.
Als wir nach Shanghai zogen, war meine Tochter neugierig.
Offen.
Bereit, sich auf etwas Neues einzulassen.
Sie wollte nicht nur zuschauen.
Sie wollte verstehen, erleben und Teil dieser neuen Welt werden.
Nicht, weil sie musste.
Sondern weil sie ihren Horizont erweitern wollte.
Gleichzeitig war dieser Schritt mit Herausforderungen verbunden.
Shanghai war laut, dicht und voller Eindrücke.
Als europäisches Kind fiel sie auf.
Sie wurde angeschaut.
Manchmal angesprochen.
Gelegentlich sogar berührt.
Für Erwachsene ist das oft ungewohnt.
Für Kinder kann es noch intensiver sein.
Denn Kinder möchten dazugehören.
Nicht ständig erklären müssen, warum sie anders sind.
Jahre später erlebte sie in den USA etwas völlig anderes.
Dort fiel sie weniger auf.
Sie konnte einfach Teil der Gruppe sein.
Nicht, weil sie sich verändert hatte.
Sondern weil sich der Kontext verändert hatte.
Und manchmal zeigt sich Zugehörigkeit genau darin:
Dass man nicht ständig über Unterschiede nachdenken muss.
Kinder, die zwischen Kulturen aufwachsen, lernen früh, sich auf Neues einzustellen.
Neue Schulen.
Neue Freundschaften.
Neue Regeln.
Neue Selbstverständlichkeiten.
Sie erleben schon in jungen Jahren etwas, das viele Erwachsene erst später kennenlernen:
Dass es mehrere Möglichkeiten gibt, die Welt zu sehen.
Dass Menschen unterschiedlich denken, leben und fühlen.
Dass Vertrautes nicht überall selbstverständlich ist.
Diese Erfahrungen können bereichern.
Sie können aber auch anstrengend sein.
Denn jede Anpassung kostet Kraft.
Jeder Übergang verlangt Orientierung.
Und jeder Neuanfang enthält auch einen Abschied.
Was dabei oft übersehen wird:
Viele dieser Kinder werden zu Expert:innen für Neuanfänge.
Aber niemand fragt, wie oft sie bereits loslassen mussten.
Freundschaften entstehen.
Freundschaften enden.
Menschen ziehen weiter.
Klassen verändern sich.
Länder wechseln.
Und gerade wenn etwas vertraut geworden ist, beginnt häufig schon der nächste Übergang.
Dieses Muster begleitet viele international aufgewachsene Kinder über Jahre.
Ankommen.
Verbinden.
Loslassen.
Und wieder von vorne.
Von außen wirkt dieses Leben oft beneidenswert.
Internationale Schulen.
Mehrere Sprachen.
Reisen.
Neue Länder.
Doch dieser Blick zeigt nur einen Teil der Geschichte.
Er zeigt die Möglichkeiten.
Nicht immer die Übergänge.
Nicht die Unsicherheit.
Nicht die Frage, die viele dieser Kinder irgendwann beschäftigt:
Wo gehöre ich eigentlich hin?
Vielleicht lautet die Antwort nicht „an einen bestimmten Ort“.
Vielleicht entsteht Zugehörigkeit für manche Menschen anders.
Nicht durch eine Adresse.
Nicht durch einen Pass.
Sondern durch Beziehungen.
Durch Erfahrungen.
Durch Menschen, bei denen sie sich verstanden fühlen.
Heute sehe ich bei vielen Kindern und jungen Erwachsenen, die zwischen Kulturen aufgewachsen sind, etwas sehr Wertvolles:
Die Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen.
Neue Perspektiven einzunehmen.
Sich in unterschiedlichen Welten zurechtzufinden.
Gleichzeitig sehe ich die Herausforderungen, die damit verbunden sein können.
Denn Zugehörigkeit ist nicht für alle ein fester Ort.
Manchmal ist sie etwas, das immer wieder neu gefunden werden muss.
Und genau deshalb verdienen diese Erfahrungen Aufmerksamkeit.
Nicht, weil sie außergewöhnlich sind.
Sondern weil sie prägen.
Oft ein Leben lang.
Reflexionsimpuls
Wenn du mit Kindern im Ausland lebst oder einen internationalen Umzug planst:
Was hilft deinem Kind, sich zugehörig zu fühlen?
Welche Abschiede erlebt es gerade?
Worüber sprecht ihr als Familie – und worüber vielleicht noch nicht?
Wie könnt ihr Übergänge nicht nur organisieren, sondern gemeinsam gestalten?
Denn Kinder brauchen in solchen Phasen nicht perfekte Eltern.
Sie brauchen Orientierung.
Und Menschen, die verstehen, dass jeder Neuanfang auch ein Abschied ist.
Übergänge müssen nicht allein bewältigt werden.
Manchmal hilft ein Gespräch, um die eigene Situation klarer zu sehen und
die nächste Richtung zu erkennen.
Kompass-Gespräch 60–90 Minuten · online




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